Deutsche Schicksale in der Sowjetunion

Sowjetische Lager
Industrialisierung zum Aufbau einer Weltmacht

Sowjetische Lager

GULag und GUPWI

Das zaristische Russland war 1914 auf Seiten Großbritanniens und Frankreichs gegen das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich in den Ersten Weltkrieg eingetreten. Nach zwei Jahren stand Russland vor dem militärischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch. In der Februar-Revolution 1917 wurde Zar Nikolaus II. gestürzt und die Republik eingeführt. Acht Monate später übernahmen die Bolschewiki unter Wladimir Iljitsch Lenin in der Oktober-Revolution die Macht und beendeten den Krieg im Abkommen von Brest-Litowsk. Im Zuge der Umgestaltung der russischen Gesellschaft bediente sich Lenin zunehmend des Mittels des Terrors. Unter Stalin wurde das System der Zwangsarbeitslager weiter ausgebaut.

Seit dem 17. Jahrhundert wurden im russischen Zarenreich Kriminelle und politische Oppositionelle in lebensfeindliche Regionen Russlands deportiert. Das Lagersystem, der sogenannte GULag, das sich nach der Oktoberrevolution 1917 ausbildete, erreichte in den 1930er und 1940er Jahren einen Höhepunkt. Von Anfang der 1930er Jahre bis zum Tode des sowjetischen Diktators Josef Stalins 1953 war es das umfangreichste Lagersystem des 20. Jahrhunderts.

Zudem war vor und nach dem Ersten Weltkrieg ein weiteres Lagersystem des NKWD errichtet und geführt worden, die GUPWI. In diesen Lagern wurden Soldaten und Zivilisten festgehalten und zur Arbeit gezwungen. Aufgrund von Unterernährung, unmenschlichen Arbeitsbedingungen, Misshandlungen durch das Wachpersonal, Krankheiten und Kälte starben Millionen von Inhaftierten.
Nach derzeit vorliegenden Berechnungen bestand das GULag-System zwischen 1929 und 1953 aus mindestens 476 Lagerkomplexen, die sich aus Dutzenden, teilweise hunderten kleinerer Lager zusammensetzten. Manche Lager wurden entlang der zu errichtenden Eisenbahnstrecken, Straßen und Kanäle häufig verlegt: sie wanderten mit dem Fortschreiten der Projekte.

Über die genaue Zahl der Insassen gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Schätzungen von Historikern variieren stark. Viele gehen davon aus, dass von 1930 bis 1953 in den GULag-Lagern mindestens 18 Millionen Menschen inhaftiert waren. Schätzungsweise 2,7 Millionen Menschen starben während des Transportes, im Lager oder an ihren Verbannungsorten. Hinzu kommen die Kriegsgefangenen, die in den GUPWI-Lagern inhaftiert waren. Nach einer GUPWI-Statistik aus dem Jahre 1956 waren rund 3,5 Millionen Kriegsgefangene registriert. Deren tatsächliche Zahl wird auf vier bis sechs Millionen geschätzt.

Die sowjetischen GULag- und GUPWI-Lagersysteme dienten mehren Zwecken: dem Strafvollzug, der politischen Umerziehung oder Mundtotmachung politischer Gegner, der Einschüchterung der Bevölkerung und der Sicherung des kommunistischen Systems. Ein weiterer Zweck der Lagerbildung war der wirtschaftliche Aspekt. Die Lagersysteme verfügten über Reserven von Arbeitskräften, die flexibel eingesetzt werden konnten, um beispielsweise abgelegene rohstoffreiche Gebiete infrastrukturell und industriell zu erschließen. Während die ersten Lager mehr in der Abgeschiedenheit eingerichtet wurden, wurde die Verortung später nach wirtschaftlichen und standortpolitischen Aspekten gewählt, um Großprojekte zu realisieren oder Städte und Regionen nach den Kriegszerstörungen wieder aufzubauen oder neu zu erschließen und zu besiedeln.

GULag

Die Abkürzung GULag bezeichnet ein einzelnes Straflager oder das ganze Netzwerk von Straf- und Arbeitslagern in der Sowjetunion. Es ist die russische Abkürzung für die Behörde „Glawnoje uprawlenije isprawitelno trudowych lagereji i kolonij“, zu Deutsch: „Hauptverwaltung der Besserungslager und -kolonien“. Zu den GULag-Lagern gehören als bekannteste Einrichtungen Workuta, Kolyma und Perm. Die GULags hatten eine Doppel-funktion, sie waren Strafvollzugs- und Terrororgan, aber auch fester Bestandteil der sowjetischen Wirtschaft.

GUPWI

Die Abkürzung GUPWI bezeichnet die sowjetischen Kriegs-gefangenenlager, die der „Hauptverwaltung für Angelegenheiten von Kriegsgefangenen und Internierten“ (russisch Glawnoje upraw-lenije po delam wojennoplennych i internirowannych) unterstanden. Die Hauptverwaltung war eine selbständige Organisation des sowjetischen Innenministeriums (NKWD, MWD). Das Lagersystem umfasste rund 4.000 Einzellager, Teillager, Frontlager, Spitäler, Arbeitsbataillone und Speziallager für ehemalige Rotarmisten, die über das ganze Land verstreut lagen.

NKWD

Die Abkürzung NKWD (russisch: Narodnyj kommissariat wnutrennich del) war die sowjetische Bezeichnung für das nach 1917 entstandene Innenministerium der UdSSR.
Neben den klassischen Aufgaben eines Innenministeriums unterstanden dem NKWD zeitweise die Geheimpolizei und
der Geheimdienst. Ab 1934 war der NKWD für die GULag-Lager und später für die GUPWI-Lager zuständig. 1946 wurde es mit der Spionageabwehrabteilung SMERSCH zu einem einheitlichen Ministerium für Staatssicherheit (russisch: Ministerstwo wnutrennich del, MWD) zusammengefasst. Von 1954-1991 führte diese Institution die Bezeichnung KGB (russisch: Komitet gossudarstwennoi besopasnosti pri Sowjete Ministrow SSSR). Die heutige Bezeichnung lautet schlicht „Innenministerium der Russischen Föderation“, oft auch abgekürzt MWD.

Trudarmee

Der Begriff „Trudarmee“ ist eine russisch-deutsche Wortzusammen-setzung. Mit ihr war die „Arbeitsarmee“ gemeint, in der ein großer Teil der Deutschen in der UdSSR, aber auch Russen und Angehörige anderer Nationalitäten und ethnischer Minderheiten Zwangsarbeit leisten mussten. Sie wurden in Kohlen- und Erzgruben, beim Bau von Hochöfen und Brücken, Eisenbahnstrecken und in Rüstungs-betrieben eingesetzt.

Der österreichische Historiker Stefan Karner schreibt zu GUPVI-Lagern:

"Während das Lagersystem des Archipel Gulag – vor allem durch die zahlreichen Publikationen Solschenizyns - weitgehend bekannt ist, blieb die Existenz des Archipel GUPVI des sowjetischen Innenministeriums (NKVD) im Dunkeln. Aus Berichten von heimgekehrten Kriegsgefangenen und Zivilisten stammen lediglich ungefähre Angaben über einzelne Lager, den Alltag darin oder deren Struktur. Selbst grundlegende Publikationen kennen den Terminus GUPVI oder die Struktur des Archipels nicht. Erst die Öffnung der ehemals sowjetischen Archive ermöglicht seit 1990 einen Zugang zu den als streng geheim eingestuft gewesen Dokumenten des NKVD, ermöglicht allmählich einen Einblick in den Archipel GUPVI, seine Ausmaße, seine Strukturen und Mechanismen, ermöglicht es schließlich den Archipel GUPVI als wesentlichen Teil stalinistischer Gewaltherrschaft zu begreifen, mit seinen rund 4.000 über das ganze Land verstreuten Lagern, Spezialspitälern (für Kriegs-gefangene und Internierte) und Arbeitsbataillonen. Im Verantwortungs-bereich des GUPVI des NKVD wurden Millionen von Menschen – zum größten Teil unter eklatanten Menschenrechtsverletzungen – festgehalten, abertausende verhungerten, zahllose erfroren oder wurden bereits auf dem Marsch und dem Transport in die Lager erschossen.“

Aus: Karner, Stefan: Im Archipel GUPVI, Kriegsgefangenschaft und Internierung in der Sowjetunion 1941-1956.Wien 1995.

Der Historiker Ralf Stettner schreibt in seinem Buch:

"Aus der Sicht der kommunistischen Führung und der GULags waren die Häftlinge eine namenlose Masse, deren einzige Aufgabe darin bestand, als Arbeitskraft zur Verfügung zu stehen."

Aus: Ralf Stettner: „Archipel GULag“: Stalins Zwangslager, Paderborn 1996.

Industrialisierung zum Aufbau einer Weltmacht

Zinn- und Uranmine im Bergmassiv Butugytschag in der Südwestkolyma, Foto um 1950. © GULag Archives/Tomasz Kizny

Anne Applebaum fasst zusammen:

"Lager wurden so häufig eröffnet, geschlossen und mit anderen zusammen gelegt, dass es schwer fällt, für bestimmte Jahre exakte Zahlen anzugeben. Einige waren klein und bedienten einen einzelnen Industriebetrieb oder ein Bauwerk. Andere bestanden nur zeitweilig, etwa für den Bau eine Eisenbahnlinie, und wurden nach der Fertigstellung des Objektes wieder aufgelöst. Um mit den riesigen Zahlen und den komplizierten Problemen fertig zu werden, schuf die GULag-Leitung Unterabteilungen: eine Hauptverwaltung Industrielager, eine Hauptverwaltung Straßenbau, eine Hauptverwaltung Forstwirtschaft etc. Man kann durchaus sagen, dass die sowjetischen Lager am Ende des Jahrzehnts ihre dauerhafte Form gefunden hatten. Es gab sie inzwischen in fast allen Regionen des Landes, in allen zwölf Zeitzonen und in den meisten Unionsrepubliken. Vor allem aber hatten sie eine bedeutende Entwicklung genommen. Aus einem Sammelsurium ganz unterschiedlicher Produktionsstätten war ein voll ausgebildeter ‚Lager-Industrie-Komplex‘ mit eigenen Regeln und Verfahren, eigenen Vertriebssystem und eigener Hierarchie geworden."

Aus: Anne Applebaum: Der Gulag, München 2005.

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