Deutsche Schicksale in der Sowjetunion

Historischer Überblick
Die Trudarmee - "Mobilisierung" zur Zwangsarbeit

Historischer Überblick

Von 1924 bis 1941 existierte die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen. Die Wolgadeutschen waren Staatsbürger der Sowjetunion. Auf einem Gebiet von der Größe Belgiens war Deutsch neben Russisch und Ukrainisch gleichberechtigte Amts- und Unterrichtssprache.

Die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft Ende der 1920er Jahre traf auch die deutschen Landwirte. Reiche Bauern, die sogenannten Kulaken, wurden oft über Nacht in sowjetische Lager im Norden des europäischen Russlands, nach Sibirien oder nach Kasachstan verschleppt. Ihre Strafen reichten von dreijähriger Lagerhaft bis zur Hinrichtung durch Erschießen.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland verstärkte sich das Misstrauen der Sowjetführung gegenüber den Deutschen im Land. Diese wurden bereits 1934 in Listen erfasst, die bei der späteren Massendeportation Verwendung fanden.

Zahllose Opfer forderten die sogenannten stalinistischen Säuberungen der späten 1930er Jahre, die vom sowjetischen Geheimdienstes (NKWD) ausgeführt wurden. Von der „Operation zur Ergreifung von Repressivmaßnahmen an deutschen Staatsangehörigen, die der Spionage gegen die UdSSR verdächtig sind“, waren sowohl deutsche Sowjetbürger als auch deutsche Kommunisten betroffen, die aus dem Deutschen Reich vor dem NS-Regime in die Sowjetunion geflohen waren.

Am 22. Juni 1941 begann auf Hitlers Befehl der Angriff der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion. Am 28. August 1941 erließ das Präsidium des Obersten Sowjets ein Dekret, in dem die Deutschen in der Sowjetunion beschuldigt wurden, mit der Wehrmacht und dem NS-Regime zu kollaborieren. Es gäbe „Tausende und aber Tausende Diversanten und Spione, die auf ein von Deutschland zu gebendes Signal Sabotageakte in den von Wolgadeutschen besiedelten Gebieten auszuführen haben“. Offiziell bezog sich der Erlass nur auf die Wolgadeutschen, er wurde aber auf alle Deutschen im europäischen Teil der Sowjetunion angewendet. Den Grund für die Verzögerung der Deportation vermuten Historiker darin, dass die Sommerernte noch eingebracht werden sollte.

Die Russlanddeutschen mussten sich häufig innerhalb weniger Stunden an den Sammelpunkten mit Handgepäck einfinden, wurden in Vieh- und Güterwaggons verladen und an ihre Verbannungsorte in Sibirien, Kasachstan und Mittelasien transportiert. Ihr Eigentum wurde eingezogen. Eine Rückkehr an ihre Wohnorte war nicht vorgesehen.

Vor allem ältere Menschen, Kinder und Kranke überlebten den Transport in das Lager nicht. Insgesamt wurden in den Jahren 1941 bis 1945 1,1 Millionen Deutsche aus dem europäischen Teil der Sowjetunion in die Gebiete östlich des Urals verschleppt. Hierzu gehörten auch die von den Sowjets in den Besatzungszonen in Deutschland „eingesammelten“ und zur Repatriierung vorgesehenen Sowjetbürger.

GKO

GKO ist die Abkürzung für das Staatliche Verteidigungskomitee der UdSSR (russisch: Gossudarstwenny komitet obrony), das am 30. Juni 1941 zur Verteidigung der UdSSR gegen den deutschen Angriff gegründet wurde.

Der Erlass des Obersten Sowjets vom 28. August 1941 über die Deportation der Wolgadeutschen in die Regionen Nowosibirsk, Omst, Altai und Kasachstan

Der damals zwölfjährige Johannes Kühl erinnert sich:

"Die Soldaten taten nichts Schlimmes. Aber die Befehle führten sie gnadenlos aus. Wir wurden auf zwei kleine LKWs verladen, deren Seitenwände höchstens 50 cm hoch waren. Ein Verdeck gab es auch nicht. Die Männer haben sich dann an den Rand eng umschlungen hingestellt und die Frauen mit den Kindern kamen in die Mitte, damit keiner auf holpriger Straße herunterfiel. Der Transport ging bis zum Wolgaufer, wo alle abgeladen wurden. Die Leute wurden auf Schleppkähne gepfercht, sodass der Tiefgang der Boote weit überschritten wurde. Die Wolga war an diesem Tag sehr ruhig, die Oberfläche glich einem Spiegel, zum Glück. Denn auch die kleinste Wellenbewegung hätte die total überfüllten Barkassen sofort zum Kentern gebracht."

Aus: Vereinigung zur Integration der russlanddeutschen Aussiedler e. V. (Hrsg.): 1941-1956. Schicksale der Deutschen in der Sowjetunion. Zeitzeugen/Trudarmisten melden sich zu Wort. Düsseldorf 2011.

Die damals elfjährige Nelli Reiswig berichtet:

"Im August 1941 hieß es dann: Alle mussten weg! Anfang September wurden alle Dorfbewohner mit Viehwaggons zum Kaspischen Meer gebracht. Dort mussten wir auf die Transportkähne umsteigen, es waren drei große Boote, voll besetzt. Die Schlepper zogen dann die Barkassen weit ins Meer hinaus. Dann waren die Schlepper weg. Einen Monat lang blieben alle mitten auf dem Meer. Einfach dem Hungertod ausgeliefert. Die Wachen warfen die Toten einfach über Bord.
Unsere beiden jüngsten, die Zwillingsschwesterchen Ella und Erna, erkrankten auch. Ich höre bis jetzt noch die flehende Stimme meiner kleinen Schwester, die bei mir auf dem Schoß lag: ‚Wenn du mir kein Essen geben kannst, so gib mir wenigstens einen Schluck Wasser. Aber zum Trinken gab es nur Meerwasser."

Aus: Vereinigung zur Integration der russlanddeutschen Aussiedler e. V. (Hrsg.): 1941-1956. Schicksale der Deutschen in der Sowjetunion. Zeitzeugen/Trudarmisten melden sich zu Wort. Düsseldorf 2011.

Für Robert Mauch aus Krasnodar begann die Deportation am 3. Oktober 1941:

"Wir wurden nur drei Tage zuvor von der Deportation unterrichtet. Die örtliche Sowjetführung informierte das ganze Dorf über den Abtransport. Sie gingen von Haus zu Haus und nach drei Tagen kamen die Soldaten und brachten alle Einwohner nach Krasnodar. Der Hauptbahnhof war von den Deutschstämmigen aus der ganzen Umgebung schon voll besetzt. Von dort ging es weiter nach Dschambul in Mittelasien. Dort trafen wir am 27. Oktober, also fast einen Monat später, ein."

Aus: Vereinigung zur Integration der russlanddeutschen Aussiedler e. V. (Hrsg.): 1941-1956. Schicksale der Deutschen in der Sowjetunion. Zeitzeugen/Trudarmisten melden sich zu Wort. Düsseldorf 2011.

Die Trudarmee - "Mobilisierung" zur Zwangsarbeit

Der Begriff „Trudarmee“ ist eine russisch-deutsche Wortzusammensetzung. Mit ihr war die „Arbeitsarmee“ gemeint, in der ein großer Teil der Deutschen in der UdSSR, aber auch Russen und Angehörige anderer Nationalitäten und ethnischer Minderheiten Zwangsarbeit leisten mussten. Kurz nach dem Deportationserlass vom 28.8.1941 wurden auf Befehl Stalins alle deutschen Angehörigen der Roten Armee entlassen und in Arbeitsbataillone, hauptsächlich Bau-Bataillone in Mittelasien und Sibirien geschickt. Sie bildeten die ersten Einheiten der Arbeitsarmee. Ihre Zahl wird mit 20.800 Personen angegeben.

Ab Januar 1942 wurden alle deutschen Männer zwischen 15 und 55 Jahren, später auch Frauen zwischen 16 und 45, für die Arbeitsarmee mobilisiert und in Lager verbracht. Frauen, die Kinder unter drei Jahren zu versorgen hatten, blieben zunächst verschont. Rund 316.000 wurden in Kohlen- und Erzgruben, beim Bau von Hochöfen und Brücken, Eisenbahnstrecken und in Rüstungsbetrieben eingesetzt.

Die Verwaltung der Lager und Menschen oblag dem NKWD und der Lagerhauptverwaltung, dem GULag. Die meisten deutschen Trudarmisten kamen in Unternehmen der Verwaltungsgebiete Kemerowo, Molotow, Tscheljabinsk, Kuibyschew, Swerdlowsk, Tula, Moskau/Umland, Tschkalow und in der Baschkirischen ASSR zum Einsatz.

Die Arbeitsarmeen existierten bis 1956. Die Überlebenden konnten dann zu ihren Familien in die Verbannungsorte zurückkehren.

Die Masseneinberufung der Trudarmisten erfolgte in drei Etappen

zwischen September 1941 und Dezember 1942.
In der dritten Einberufungsphase wurden auch Frauen zwangsverpflichtet und die Altersgrenze für Männer erweitert. Die Trudarmisten wurden unterschiedlichen Einheiten der sowjetischen Behörden unterstellt, dem Volkskommissariat für die Verteidigung (NKO), dem Volkskommissariat für innere Angelegenheiten (NKWD) und dem Volkskommissariat für das Eisenbahnwesen (NKSP). Die Masse der Deutschen befand sich in Objekten des NKWD. Die durchschnittliche Sterberate in allen diesen Lagern erreichte 8,9 %.

Aus: German, Arkadij/Silantjewa, Olga (Hrsg.): In Arbeitskolonnen für die gesamte Zeit des Krieges. Zeitzeugen und Forscher berichten über die Deutschen in der Trudarmee. Moskau 2012.

Elsa Walz erlebte als Achtjährige, wie ihre Mutter 1942 in die Trudarmee eingezogen wurde:

"Im Oktober 1942 hat man die Deutschen des gesamten Rayons in Serow versammelt, wo man ihnen die Situation mitteilte und klarmachte, dass sie jetzt für die Front arbeiten müssen. Die Front brauchte vor allem Metall. Um es zu schmelzen, musste Kohle her, und die förderte man in Karpinsk. Deshalb werden ab sofort die Deutschen in den Kohlegruben arbeiten müssen."

Aus: German, Arkadij/Silantjewa, Olga (Hrsg.): In Arbeitskolonnen für die gesamte Zeit des Krieges. Zeitzeugen und Forscher berichten über die Deutschen in der Trudarmee. Moskau 2012.

Olga Hartmann wurde 1942 nach Barnaul geschickt und erinnert sich:

"Am nächsten Tag begann die Arbeit. Wir standen am Flussufer in unseren Schuhen aus Leinen, ganz nah am Wasser. Mit Flößerstangen mussten wir das Holz weiterleiten und aufpassen, dass es nicht zum Stau kam. Wenn ein Baumstamm quer lag, musste man ihn so richten, dass er parallel mit den anderen floss, sonst verursachte er Stau, was wir aber nicht zulassen durften. Die Stämme, etwa 4,6 bis 6,6 Meter, kamen ununterbrochen mit dem Wasser an. So mussten wir ins Wasser gehen und die Stämme richten. Wir standen bis an die Knie in diesem Schneewasser und froren entsetzlich, durften aber den Arbeitsplatz bis Abend nicht verlassen."

Aus: German, Arkadij/Silantjewa, Olga (Hrsg.): In Arbeitskolonnen für die gesamte Zeit des Krieges. Zeitzeugen und Forscher berichten über die Deutschen in der Trudarmee. Moskau 2012.

Günther Hummel erinnert sich:

"Wir arbeiteten wie früher 12 Stunden täglich in der Grube. Einmal, nach der Arbeit, kam der Kommandant, führte uns, so müde wie wir waren, auf die Straße und wies uns an, Löcher zu graben und Pfosten aufzustellen. Es war Februar, die durchfrorene Erde wollte gar nicht nachgeben. Zuerst konnten wir den Sinn der Sache nicht begreifen und warum es so eilig war, aber als wir dahinter kamen, waren wir entsetzt. Wir hatten uns selbst von der Welt abgeschirmt und mit eigener Kraft uns eine Sperrzone gebaut. Es war schrecklich, besonders junge Menschen waren betroffen und konnten es nicht verstehen: Woran sind wir denn Schuld? Wir sind ja eben von der Schulbank gekommen! Was haben wir getan? Sind wir denn Feinde, oder? Verräter oder Spione? Warum? Wofür? Es war so grausam! Aber wie sollten wir uns wehren? (...)
Ab diesem Moment wurde ich zum Holzschleppen eingestellt und musste Bauholz für die Gruben herbei schleppen. Das war eine schwere Arbeit. Man schickte da immer die Jüngeren hin, weil nur Jugendliche in diese engen Öffnungen reinkriechen konnten. Jede Minute konnte die Erde abrutschen und den Jungen begraben."

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